justiz und ns-verbrechen / nazi crimes on trial

DIE DEUTSCHEN STRAFVERFAHREN WEGEN NS-TÖTUNGSVERBRECHEN

ausgewählte urteile

Lfd.Nr.415 (Ausschnitt)

die urteile gegen die lieferanten des zyklon-b

Zyklon B

Unter den Schädlingsbekämpfungsmitteln, "die in der gasförmigen Phase wirken", steht flüssige Blausäure in aufgesaugter Form, das sogenannte Zyklon B, an führender Stelle. Als alleinige Vertriebsfirma des Zyklon B hatte, wie erwähnt, die Degesch insoweit während des Krieges eine Monopolstellung.
Blausäure, in der Natur in gebundener Form verbreitet, ist chemisch erst verhältnismässig spät, im 18.Jahrhundert, entdeckt worden, und auch ihre Giftwirkung ist erst seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts bekannt. Diese Giftwirkung beruht darauf, dass die Sauerstoffversorgung der Zellen durch von dem Körper aufgenommene Blausäuremengen gehemmt oder ganz unterbunden und dadurch die Atmung des Organismus zum Stillstand gebracht wird. Erst seit Ende des 19.Jahrhunderts ist Blausäure als Schädlingsbekämpfungsmittel bekannt und benutzt worden, und zwar zunächst in flüssiger Form. Da die Verwendung flüssiger Blausäure mit grossen Nachteilen, z.B. Transportschwierigkeiten, Zersetzung (Polymerisation), verbunden ist, versuchte man flüssige Cyanderivate, vor allem das sogenannte Zyklon A (Cyankohlensäureester), zur Schädlingsbekämpfung zu verwenden. Einen weiteren wesentlichen Fortschritt stellte das Zyklon B dar, das nach dem ersten Weltkriege von dem Chemiker Dr. He., Mitinhaber der Firma Heli, entwickelt und 1922 für die Degesch patentiert wurde. Durch die Aufsaugung der flüssigen Blausäure in einem geeigneten Trägermaterial wie Kieselgur ist das Zyklon B haltbarer, lager- und transportfähiger und weniger gefährlich als die bisher verwendete Blausäure und ihre Derivate. Als Behälter dienen Blechdosen nach Art der Konservendosen, deren Inhalt nach Bedarf verschieden ist (100, 200, 500, 1000, 1200 g) und die nach Gebrauch durch Verkürzung wieder verwendungsfähig gemacht werden. Die Dosen werden an der Verwendungsstelle geöffnet und das Trägermaterial unter Gasschutz ausgestreut, worauf die Gasentwicklung aus dem Zyklon sofort stark einsetzt.
Um dritte Personen, denen das Vorhandensein von Blausäure nicht bekannt und nicht erkennbar ist, zu warnen, kam der Pharmakologe Prof. Flury auf den Gedanken, der Blausäure einen Warn- bzw. Reizstoff zuzufügen. Bezweckt wird damit eine "Vorwarnung", d.h. der Warnstoff soll anzeigen, dass Blausäure im Raum vorhanden ist, und eine "Nachwarnung", d.h. er soll erst zur Verdunstung kommen, wenn die Blausäurekonzentration selbst bereits abklingt, und anzeigen, dass noch Blausäure wirksam sein könnte. Als Warnstoff, der in Deutschland für die Durchgasung von Gebäuden geschlossener Bauweise gesetzlich vorgeschrieben ist, wurde zunächst Chlorkohlensäuremethylester, später Bromessigsäuremethylester verwendet. Nach Einführung des Warnstoffes war die Verwendung von Zyklon B mit Warnstoff der Regelfall, in Ausnahmefällen, insbesondere bei Begasung geruchempfindlicher Stoffe (Lebensmittel, Tabak), wurde von der Degesch Zyklon ohne Warnstoff geliefert und dies durch den Aufdruck "Vorsicht ohne Warnstoff" auf den Dosenetiketten angezeigt.

Mit Kriegsbeginn trat eine erhebliche Erhöhung des Bedarfs an Zyklon B ein. Neben der Durchgasung von Grossräumen (Kasernen, Barackenlagern, Mühlen, Schiffen) war die steigende Fleckfiebergefahr eine Ursache für erhöhten Konsum. Fleckfieber wird durch die Kleiderlaus übertragen und der Kampf dagegen, die Entlausung war von besonderer Wichtigkeit und Dringlichkeit. Bereits vor Beginn des Krieges hatte man sich mit der Konstruktion von Begasungskammern beschäftigt und diese wurden während des Krieges zu Entlausungskammern mit Kreislaufeinrichtung entwickelt, die serienweise zum Zwecke der Massenentlausung Anwendung fanden. Es handelt sich hierbei um meist 10 cbm umfassende geschlossene Räume, in denen die vorher dort eingeschlossenen Blausäuredosen von aussen her unter Luftabschluss geöffnet werden, worauf eine gleichmässige und rasche Entgasung durch einen elektrisch angewärmten Luftstrom und eine schnelle Entlüftung mittels Ventilatoren bei geschlossenen Türen bewirkt wird.
Mit Rücksicht auf die Gefährlichkeit der Fleckfiebererkrankung sowohl für die Truppe als auch für Lazarette, Lager und Grossbetriebe musste mit Kriegsbeginn der wirksamen Bekämpfung der Kleiderlaus ein ganz besonderes Augenmerk zugewendet werden. Der erhöhte Bedarf an Zyklon B drückt sich in den Umsätzen von 1938 bis 1944 aus:

1938 - 160.0 t
1939 - 179.8 t
1940 - 242.0 t
1941 - 193.6 t
1942 - 321.3 t
1943 - 411.2 t
1944 - 231.0 t

Der Umsatzrückgang für 1944 ist nicht etwa auf ein Nachlassen des Bedarfs oder eine Verknappung zurückzuführen, sondern auf starke Beschädigung des Dessauer Werkes durch Luftangriffe Pfingsten 1944. Dass Zyklon B regelmässig bis in die ersten Monate des Jahre 1945 geliefert worden ist, ergeben die vorgelegten Zyklon-Versandbücher. Ferner hat der Zeuge Dr. D. bekundet, dass er noch bis zum 2.Januar 1945 zur Durchführung von Grossraum-Entgasungen unterwegs war und zuletzt noch den Dampfer "New York" durchgast hat, wofür er etwa 200 Kilo benötigte. Allerdings musste im Laufe des Krieges der Reizstoffgehalt aus Gründen der Verknappung herabgesetzt werden.
Der Bedarf der Wehrmacht war während des Krieges in erster Linie zu befriedigen, daneben aber auch der Bedarf der Waffen-SS. Diese bildete in ihrer Desinfektorenschule in Berlin-Oranienburg eigenes Personal zur Durchführung von Durchgasungen aus, während sich die Wehrmacht dazu des Personals der Lieferfirma bediente. Obwohl seit Mitte 1943 bestimmungsmässig der Bedarf von Wehrmacht und Waffen-SS an Zyklon B einheitlich durch den Hauptsanitätspark der Wehrmacht in Berlin-Lichtenberg gedeckt werden sollte, setzte sich, wie der Zeuge E., s.Z. Sanitätszeugmeister beim OKW und als solcher seit 1943 verantwortlich für die Versorgung der Wehrmacht einschliesslich der Waffen-SS mit Sanitätsmaterial, bekundet hat, die SS über die Bestimmungen hinweg und hatte die Möglichkeit, sich unabhängig Zyklon B für ihre Zwecke zu beschaffen. Dies hat auch der Zeuge Dr. S. bestätigt, der bis 1945 die Kaliwerke AG in Kolin leitete. Bei ihm erschien 1943 der SA-Mann Sl. und verlangte die Herausgabe der gesamten Zyklonvorräte. Als der Zeuge dies verweigerte, holte Sl. die Gestapo und nahm etwa 4 1/2 t Zyklon B fort.

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Inhaltsverzeichnis Lfd.Nr.415

inhaltsverzeichnis